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Die Jagd nach Schönheit und Licht

 

 

 

 

 

Das ist das Haupttitelblatt der Manesse-Ausgabe von 1947. Der Name der Übersetzerin, Dr. Dora Berndl-Friedmann, schimmert oben hinter „Iwan Turgenjew“ von der Rückseite her durch. In einer Schrift von etwa acht Punkt wird sie dort im wahrsten Sinne des Wortes kleingemacht. Ludwig Berndl dagegen, wurde unmittelbar unter Autor und Titel gesetzt. Gestalterisch sieht das schon fast so aus, als ob Turgenjew und Berndl die „Aufzeichnungen“ zusammen verfasst hätten.

 

 

© Alexander Schwab

 

Über Ludwig Berndl ist im Internet wenig zu erfahren, aber immerhin findet sich im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek ein Eintrag: „Schriftsteller und Übersetzer, geb. am 6.7.1878 in Wien, gest. 1946 in Orselina (Tessin, Schweiz). Berndl studierte ab 1904 an der Universität Bern und war ein Freund und Anhänger Gustav Landauers. Von 1928 bis 1932 lebte er in Berlin-Hermsdorf, von wo aus er und seine Frau, die Übersetzerin Dora Berndl (1881–1953), nach Orselina bei Locarno emigrierten und dort bis zu ihrem Tod in sehr armen Verhältnissen lebten. Berndl veröffentlichte u. a. “Der Todsucher” (1901) sowie “Über das Sâmkhya. Versuch einer Wiederherstellung und Deutung der Sâmkhya-Prinzipien” (1921). Außerdem übertrug er gemeinsam mit Dora Berndl Leo Tolstojs “Briefe an seinen Freund Wladimir Tschertkow aus den Jahren 1883–1886” aus dem Russischen.“ 

 

Bei Gustav Landauer handelte es sich um einen bekannten Anarchisten und Pazifisten, der auch auf dem Monte Verità zu Besuch war. Der Monte Verità bei Ascona, nahe Orselina, war Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts ein Magnet für gut betuchte Intellektuelle, die alternative Lebens- und Kunstformen ausprobierten und über allerlei Politik, Philosophie und Psychologie debattierten. Zum pazifistischen, alternativen Lebensstil gehörte – zumindest für die Gründer – der Vegetarismus (der Veganismus wurde erst 1944 erfunden). Und damals wie heute war der geistig gehobene und moralisch fortgeschrittene Lebensstil denen vorbehalten, die es sich leisten konnten. Die Namen einiger Persönlichkeiten, die in Zusammenhang mit dem Monte Verità standen, sind noch heute bekannt, so zum Beispiel Hermann Hesse, Hugo Ball und Isadora Duncan. Die Vorgeschichte des Monte Verità ist über den Anarchisten Michail Bakunin (1814–1876) und die die vermutete Zarentochter Antoinette de Saint Léger (1856–1948) mit Russland verbunden. Und so komme ich wieder zu den „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjew, der sich mit Bakunin als Student in Berlin eine Wohnung geteilt hatte.

 

Das russische Wort für Jagd heisst „Ochota„ und bedeutet gleichzeitig auch „Lust“. Im Russischen ist bei der Jagd die Lust immer mit dabei. Es geht gar nicht anders. Eine wunderbare „Sprachregelung“, denn egal ob historisch oder aktuell betrachtet, egal, wo und wer, die Jagd (Angeln und Pilzlen immer mit eingeschlossen) schliesst die Lebenslust, die Lebensfreude, die Lebensbejahung immer mit ein. Jagen ist Leben, Lebenswille und Lebenslust. Jagen ist eine grundsätzlich optimistische Einstellung. Alle Jäger sind sozusagen russische Jäger. Auch wenn man, wie ich, kein Wort Russisch versteht. Der bekannteste aller russischen Jäger ist Iwan Turgenjew (1818-1883). Seine  „Zapiski ochotnika“, die „Aufzeichnungen eines Jägers“, sind wahrscheinlich in die meisten Sprachen der Welt übersetzt.

 

Kolossal Skrupellos

 

Im Nachwort schreibt Ludwig Berndl: „Es sind natürlich keine echten Jagdgeschichten, die in diesen ‘Aufzeichnungen eines Jägers’ enthalten sind. Ungeachtet zeitweiliger jagdlicher Spaziergänge des Dichters in Wald und Steppe, war Turgenjew doch kein passionierter Töter kleinen und grossen Wilds. Ein Jäger von Beruf oder aus Leidenschaft kennt das Gefühl des Grauens nicht, das Qual und Tod der Kreatur immer erregen muss.“ Das ist kolossal skrupellos.

 

Selbstverständlich sind die „Aufzeichnungen eines Jägers“ was immer sie sonst sein mögen, die Aufzeichnungen eines Jägers. Er schrieb sie als Jäger, der er war, und betonte das auch im Epilog: „Bevor ich von meinem Leser Abschied nehme, will ich noch einige Worte über die Jagd sagen. Die Jagd mit der Flinte und dem Hund ist an und für sich etwas Herrliches; aber nehmen wir an, Sie sind kein Jäger, sind nicht zum Jäger geboren; gut, aber dann lieben Sie dennoch die Natur, folglich müssen Sie uns beneiden […].“ An anderer Stelle, in einem Brief (Courtavenel, 22. September 1856) an Alexander Herzen, berichtet Turgenjew: Ich wohne hier auf dem Lande und ergötze mich am far niente und der Jagd. Schlimm ist’s nur, dass die Jagd aus Mangel an Wildbret sehr mittelmaessig, das Wetter abscheulich ist.  Turgenjew kein leidenschaftlicher Jäger ?

 

Für jemanden, der so gescheit und voreingenommen ist wie Berndl, ist Turgenjew ein Problem: Jäger sind Killer ohne Mitleid und Gefühl. Sie sind Teufel und Beelzebub in einem. Das ist damals wie heute unumstösslich für die Berndls dieser Welt.  Wie kann es also sein, dass ein Jäger so etwas Grossartiges, Einmaliges und Berührendes schafft, wie es eben die „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind? Die Antwort: Man sagt einfach, Turgenjew sei kein richtiger Jäger gewesen. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Das hat bis heute System.

 

Und doch findet Berndl ungewollt auf eine Perle: „Es gibt eine Karikatur von Turgenjew, die ihn als ‘Jäger’ zeigt. Alles an dieser Figur ist jägermässig: die Flinte, die Jagdtasche, die Jagdstiefel […]. Nur der Mann, der diese Dinge trägt und hat, ist es nicht: das ist ein guter, kindlicher, schier donquichottischer Mensch, der auf der Jagd nach Licht und Schönheit ist; eben ein Dichter.“ Da haben wir es noch einmal schwarz auf weiss: Ein Jäger kann nicht „gut“ sein. Geht nicht. Wissen wir jetzt. Aber Berndl rutscht hier unbeabsichtigt etwas sehr Wertvolles heraus: die „Jagd nach Licht und Schönheit“. Dichter sind somit Jäger. Und umgekehrt. Schon Izaak Walton (1593–1683) sah das ähnlich und hielt über die Fischjäger fest: „Angeln ist etwas wie Dichtkunst, die Menschen müssen dazu geboren sein.“

 

Zurück auf den Berg der Wahrheit: Die Namensgebung „Monte Verità“, so vermuten verschiedene Autoren, geht auf Leo Tolstoi zurück. Die Anhänger seiner Schule nannten sich Tolstoianer und von diesen gab es nicht wenige auf dem Monte Verità. Zum ganzen Tolstoi Bild und passend hierhin gehört auch Folgendes: „Seiner Leidenschaften Leidenschaft war die Jagd“, hält Stefan Zweig fest. In Philipp Witkops Tolstoibiografie liest sich das so: „Die Jagd, der Urtrieb des Nomaden, war Tolstois stärkste und längste Leidenschaft. Noch vom achtzigjährigen, der aus religiöser Liebe zu allen Geschöpfen der Jagd und der Fleischkost entsagt hatte, erzählt Maxim Gorki: “Plötzlich sprang vor unseren Füssen ein Hase auf. Lew Nikolajewitsch schnellte aufgeregt empor, sein Gesicht erhellte sich, und er liess einen Jagdruf hören wie ein richtiger alter Sportsmann. Dann sah er mich mit einem neugierigen Lächeln an und lachte herzlich und menschlich. Er war bezaubernd in diesem Augenblick.”“ Tolstoi war Jäger mit Leib und Seele.

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