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Genderwahn und Shitstorm

 

 

 

 

Im Herbst leuchten im Eichelmändliland die Goldparmänen von den Bäumen herab und erfreuen Auge und Gemüt. Ein unschuldiges Bild und Vergnügen würde man meinen, doch weit gefehlt: Hexenjagd war früher, heute herrschen politische Korrektheit und Gender. Eine Art Besessenheit, mit der grundsätzlich jeder und alles verdächtigt wird, irgendwie rassistisch, sexistisch, speziesistisch, homophob, übergriffig oder sonst wie übel und sozial falsch konstruiert zu sein. Wie das Antoniusfeuer Körper und Geist zerstört, kaputtet die politische Korrektheit und der allgegenwärtige Genderwahn Sprache, Kultur und Lebensfreude. Im Tages-Anzeiger vom 16. Januar 2016 war im Zusammenhang mit der Wahl zum Unwort des Jahres folgendes zu lesen: „Ausserdem prangerten die Sprachwissenschaftler die Formulierung ‚Genderwahn‘ an. Mit diesem Ausdruck würden in konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen zunehmend Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise diffamiert.“ Das ist entweder ein weisser Schimmel oder es ist möglich, jemanden differenziert zu diffamieren. Das wäre ziemlich schräg. Und ausserdem: Gemäss Duden bedeutet Diffamierung „Verleumdung“ oder „üble Nachrede“. Kann sich eine Verleumdung auf „Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit“ beziehen? Wenn es der Qualitätsjournalist so will, kein Problem. Und es waren wie der Tages-Anzeiger schreibt («Sprachwissenschaftler»)  vermutlich nur Männer am Anprangern, denn soviel Dummheit können selbstverständlich nur Männer produzieren. Was also gibt es an Äpfeln und der Darstellung von Äpfeln herumzumäkeln?  Der Eichelmändli Verlag hat das oben abgebildete Apfelmotiv vor einigen Jahren unter dem Titel «Pomona» als Grusskarte angeboten. Pflichtbewusst machten die Eichelmändli mit einer ausführlichen «Bestellwarnung» auf folgendes aufmerksam:

 

Adam und Eva

 

Vordergründig werden mit dem Apfelmotiv «Pomona» Herbstfarben, Erntezeit, Erntedank und eine alte Apfelsort zelebriert. Der von soziologischen Erkenntnissen wie von Ideologien unberührte, unvoreingenommene Betrachter denkt dabei an nichts Böses. Apfelkuchen, Rilke und Calvados sind doch harmlos, oder? Aber halt, bevor wir hier ins Genüssliche, Poetische oder einfach nur Schöne abdriften: War da nicht Eva? Und zack, da haben wir den Salat. Womit hat sie Adam verführt? Unterschwellig trägt die Darstellung von Äpfeln – ganz superspeziell das Eichelmändliland-Motiv Pomona – dazu bei, eine überholte Rollenverteilung und geschlechterspezifische Vorurteile zu zementieren. Doch damit nicht genug. Besonders bedenklich ist die Bildbezeichnung «Pomona».

 

Pomona

Stellt die Abbildung von Äpfeln und der Bildtitel „Pomona“ nicht eine Art von Mikrosexismus dar? Sind Äpfel nicht eine Metapher für den weiblichen Busen? In den Opera Slavica 4 (Slaw. Studien) ist zu lesen: „Unter den Früchtenamen, die in der balkanslawischen Volkslyrik verwendet werden, muss der Apfel an erster Stelle genannt werden. Durch ihn werden in Liedern aller Teilgebiete des balkanslawischen Raums Mädchen metaphorisch angesprochen; mitunter werden damit auch die Brüste metaphorisch bezeichnet.“ Gerade im populären Bereich halten sich politisch nicht korrekte Ausdrucksweisen und Bilder besonders hartnäckig. Aber halt: habe ich nicht gerade durch das obige Zitat einen sexistischen Sprachgebrauch unterschwellig gutgeheissen?  Das jüngste Gendergericht unter Judith Butler wird darüber befinden. Sie kennen Judith Butler nicht? Seien Sie froh und freuen Sie sich des Lebens.

 

Das ist die eine Seite, die andere ist die weibliche Naturgottheit (Nymphe) Pomona, die römische Göttin der Fülle und der Baumfrüchte. Der Dichter Ovid berichtet, dass der Garten ihr Ein und Alles war und Männer dort nichts zu suchen hatten. Das machte Pomona für den schurkischen, weil sexistischen Vertumnus erst recht attraktiv. Als römischer Gott war Vertumnus zuständig für die Jahreszeiten und den Wandel allgemein. Ein weites Feld. Tatsächlich konnte er sich selbst verwandeln und in der Gestalt einer alten Frau überzeugte er die nichtsahnende Pomona, dass er, Vertumnus, der Richtige für sie sei. Dies tat er in einer Art und Weise, die jedem rechtschaffenen, politisch korrekten und genderbewussten Menschen die Empörung bis in die Haarspitzen treibt! Wir verzichten hier auf eine Zusammenfassung: Das Me-too-Geheul wäre mörderisch und würde sicher irgendeine Ethikkommission auf den Plan rufen oder eine Sammelklage auslösen, da bei Ovid auch amerikanische Staatsbürger mit gemeint sein könnten. Äpfel haben es auch anderweitig in sich:

 

Wilhelm Tell

 

Das Trio Tell, Gessler und Schiller ist ein Musterbeispiel ebenso erfolgreicher wie langfristiger internationaler Zusammenarbeit: Die Schweizer liefern den Helden, die Österreicher den Schurken und die Deutschen das Drama. Und wie könnte es anders sein, der Italiener Rossini komponierte die Oper dazu (werden hier rassistische Stereotypen bedient?) Dank der berühmten, ja unsterblichen Apfelschussszene erfreut sich Wilhelm Tell immer noch allergrösster Beliebtheit. Aufgeklärte Menschen glauben jedoch nicht an solche Märchen und Sie ahnen es schon: Für Wilhelm Tell gibt es in der heutigen Zeit keinen Platz mehr, ja wenn überhaupt, dann nur als abschreckendes Beispiel. Schon der Waffenbesitz bzw. das öffentliche Waffentragen lässt auf einen ethisch unreifen Menschen schliessen. Und wofür brauchte er die Waffe? Zum Jagen natürlich. Ein Jäger als Nationalheld? Das geht doch nicht! Und ausserdem: Hätte er keine Waffe dabei gehabt, wäre die Gewalt nicht eskaliert.

Der schwule Gessler hätte wohlwollend ein freundschaftliches Gespräch gesucht und die Differenzen wären friedlich beigelegt worden. In diesem Vorgang hätte Tell dann seine wahre Genderidentität entdeckt, seine Homophobie abgelegt und sich einer Geschlechtsumwandlungsoperation unterzogen. Ohne den Jäger Tell, seine Waffe und den fatalen Apfel gäbe es die hinterwäldlerische, xenophobe und ewig gestrige homophobe Schweiz schon längst nicht mehr.

 

Isaac Newton

 

Nebst der Entdeckung der Erdanziehungskraft verdankt die Menschheit der Apfelsorte „Flower of Kent“ auch die Bestätigung der populären Ansicht, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Was genau Isaac Newton unter dem Apfelbaum trieb, ob er Tee trank, vor sich hin döste oder las, wissen wir nicht. Aber es war ein Apfelbaum, der Baum der Erkenntnis. Und es könnte doch sein, dass Isaac Newton als gläubiger Christ die Apfelbaumlegende erfand, um dem Schöpfungsgedanken Nachdruck zu verleihen. Newton soll gesagt haben: „Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur durch den Plan eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein. Das ist und bleibt meine letzte und höchste Erkenntnis.“ Und dann wollte er noch etwas gesehen haben: „Ich sah das Schreiten Gottes am anderen Ende meines Teleskops.“ Wäre die Schwerkraft nicht eine schwer zu leugnende Tatsache, so könnte man sie grundsätzlich anfechten: Schliesslich beruht ihre Entdeckung auf einem Weltbild, das nicht wahr sein kann und darf, weil es repressive soziale Strukturen hervorbrachte, durch die speziell Frauen und die ganze LGBT-Partyhorde benachteiligt werden. All dies symbolisiert der Apfel, weshalb festzuhalten ist: Darstellungen von Äpfeln und mit ihm Newton sind irgendwie verdächtig. Ausserdem: Newton war ein Mann.

 

Nikolay Vavilov

 

Wenn ich den Namen lese oder an Vavilov denke, treibt es mir Tränen in die Augen, so traurig ist diese Geschichte. Und trotzdem: Über Äpfel zu sinnen und Vavilov (1887 – 1943) nicht zu erwähnen, wäre einfach nicht stimmig. Vavilov war Wissenschaftler (Botaniker, Genetiker) und für sein Fachgebiet genauso bedeutend wie Newton für das seine. Ohne ihn wüssten wir nichts über die Herkunft von „Malus domestica“, also den Kulturapfel. Er entdeckte das „Genzentrum“ der Äpfel in Kasachstan und somit also den Ort, an dem die wilden Vorfahren der kultivierten Äpfel noch vorkommen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Pflanzengenetik kollidierten jedoch mit der damaligen politischen Korrektheit vor Ort, der offiziellen Ideologie einer „sowjetischen Genetik“. Das endete unvorstellbar elend. Vavilov verhungerte als „Schädling“ der sozialistischen Ordnung 1943 im Gefängnis in Saratov. Erst Jahrzehnte später wurde er rehabilitiert und geehrt. Heute wird er in seiner Heimat als Held gewürdigt und ein Kleinplanet ist nach ihm benannt.

 

 

 

 

 

Die Apfelblüte ist sozusagen die Pomona-Vorstufe und hat selbst ihre eigenen Probleme. Blütenweiss wirkt auf viele Betrachter irgendwie kitschig, weil es sie an Waschmittelreklame erinnert. Und: Blütenweiss ist nicht einfach Weiss ist, sondern je nach Entwicklungsphase der Blüte durch Umgebungslicht, Betrachtungswinkel, Hintergrund, Wetter etc. nuanciert und strukturiert wird. Das gilt auch für Blütenrosa. Die Blüte lebt: Darum ist Pink nicht einfach Pink. Das gilt auch für Folgendes: Eine Handelsinformation des „Earnshaw’s Infants’ Department“ hielt im Jahr 1918 fest: „Die allgemein akzeptierte Regel ist Rosa für Knaben und Blau für die Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa als eine entschlossenere und kräftigere Farbe besser zu Knaben passt, während Blau, weil es delikater und anmutiger ist, bei Mädchen hübscher aussieht.“ Das galt vermutlich auch hierzulande und man beachte in diesem Zusammenhang, dass das „Markenzeichen“ der Madonna von Lourdes der hellblaue Gürtel ist. 1940 war aber die farbliche Rollenumkehr vollzogen, weil die amerikanischen Hersteller offenbar Richtung Pink für Mädchen steuerten. Marienerscheinungen bzw. deren Abbildungen hätten seit 1940 also pinkfarbene Gürtel, Schärpen oder Mäntel tragen müssen. Allerdings wird man das kaum finden, da es seit 1917 keine beglaubigten Marienerscheinungen mehr gab. Und hätte es sie gegeben, so hätte Maria ein blaues Kleid getragen, denn in der christlichen Tradition steht Blau für das Weibliche und blau sind auch der Himmel und das Wasser. Vor lauter Pink und Blau übersieht man leicht, dass in den Zwischenkriegsjahren eine Erfindung von epochaler Bedeutung gemacht wurde: das kleine Schwarze (Coco Chanel zugeschrieben). Schwarz und Blau sind also weiblich besetzt. Auch die Apfelblüte kann problemlos von den Genderbessesenen zerzaust werden: alles eurozentrisch, kolonialistisch und sicher irgendwie rassistisch, weil die Madonna ‘weiss’ ist usw.

 

 

 

 

 

Im Korallenriff erschleichen sich die falschen Putzerfische das Vertrauen von Fischen, die gerne von Parasiten gereinigt werden möchten. Anstatt pflichtgetreu die Parasiten wegzufressen, beissen sie dem putzbedürftigen Fisch ein Stück Haut, Flossen oder Kiemen aus. Mit List und Tücke, genauer mit Duft, Form, Zeichnung, Farbe (pink) und haptischen Elementen, verführt die einheimische Hummel-Ragwurz den Langhornbienenmann. Da dieser, weil er nur immer das eine im Kopf hat, in der Regel auf die Orchideensexpuppe hereinfällt, nimmt er als Souvenir ihre Pollen mit und bestäubt so weitere Hummel-Ragwurzen. Frauen halten es zwar kaum für möglich, aber der Mann, zumindest der Bienenmann, ist lernfähig. In seinem Forschungsbericht hält Professor H. F. Paulus fest: „Tatsächlich konnten wir zeigen, dass die getäuschten Bestäubermännchen nach kurzer Zeit sogar den Blütenschwindel durchschauen und auf die Attrappe nicht mehr hereinfallen.“ Diese ganze Geschichte stinkt aus Sicht der Genderinquisitorinnen zum Himmel, weil hier weibliche List negativ bewertet sein könnte und weil Professor Paulus ein Mann ist. Nun, lieber Leser, vielleicht denken Sie, dass ich hier ein paar Strohfräuleins aufgebaut habe und jetzt noch mit dieser letzten Bemerkung masslos übertreibe. Weit gefehlt! Die Schweizer Schulbücher seien durchs Band weg nicht tauglich, weil sie von Männern verfasst worden seien, befinden die zwei Experten Rahel El-Maawi und Mandy Abou Shoak. Das fällt nicht etwa in Abteilung moderne Aktionskunst oder Qualitätsmedien-Satire, sondern unter die Rubrik staatlich subventionierte «Wissenschaft» mit dem Gütesiegel «Schweizer Eidgenossenschaft». Es folgt daraus:  Jedes Eichelmändli-Produkt – es sind Eichelmändli und nicht Eichelfraueli – taugt im Vornherein nichts, weil eben ‘Mändli’, obwohl diese von einer Frau geschaffen wurden.  Wären es ‘Fraueli’, würde das wahrscheinlich schon für einen ‘Shitstorm’ reichen.

 

 

 

 

 


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