Das ist das Haupttitelblatt der Manesse-Ausgabe von 1947. Die Übersetzerin Dr. Dora Berndl-Friedmann schimmert oben hinter „Iwan Turgenjew“ von der Rückseite her durch. Das gleiche Schicksal teilte z. B. Rebecca Candreia in der 1946 erschienenen Manesse-Ausgabe von Tschechows „Meisterzählungen“, wo sie nicht einmal mit vollem Namen erwähnt wird, sondern als „R. Candreia“ in etwa 8-Punkt-Schrift auf der Rückseite im wahrsten Sinne des Wortes kleingemacht wird. Im Falle der „Aufzeichnungen eines Jägers“ erscheint Ludwig Berndl, der Verfasser des Nachwortes, unmittelbar unter Autor und Titel. Ich fand das merkwürdig und wollte eigentlich nur herausfinden, wer Dora Berndl war. Dabei bin ich auf einige interessante Zusammenhänge gestossen, die noch heute für die Jagd bzw. die Antijagdpropaganda von Bedeutung sind.

Was ist eine echte Jagdgeschichte?

© 2016 Alexander Schwab & Eichelmändli Verlag

 

Die Manesse-Ausgabe von Iwan Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“ von 1947 beinhaltet ein Nachwort von Ludwig Berndl. Über Ludwig Berndl ist im Internet wenig zu erfahren, aber immerhin findet sich im Literaturarchiv der österreichischen Nationalbibliothek ein Eintrag: „Schriftsteller und Übersetzer, geb. am 6.7.1878 in Wien, gest. 1946 in Orselina (Tessin, Schweiz). Berndl studierte ab 1904 an der Universität Bern und war ein Freund und Anhänger Gustav Landauers. Von 1928 bis 1932 lebte er in Berlin-Hermsdorf, von wo aus er und seine Frau, die Übersetzerin Dora Berndl (1881–1953), nach Orselina bei Locarno emigrierten und dort bis zu ihrem Tod in sehr armen Verhältnissen lebten. Berndl veröffentlichte u. a. "Der Todsucher" (1901) sowie "Über das Sâmkhya. Versuch einer Wiederherstellung und Deutung der Sâmkhya-Prinzipien" (1921). Außerdem übertrug er gemeinsam mit Dora Berndl Leo Tolstojs ‚Briefe an seinen Freund Wladimir Tschertkow aus den Jahren 1883–1886‘ aus dem Russischen. So weit, so gut. Aber warum wird der Mädchenname von Dora Berndl nicht erwähnt? Vielleicht war er den Verfassern des Eintrages nicht bekannt – wie überhaupt wenig über Dora Berndl zu erfahren ist. Ausser auf einer Website und einer gelegentlichen gemeinsamen Nennung mit ihrem Mann gibt es von Dora Berndl keine Zeugnisse.

 

Bei dem oben erwähnte Gustav Landauer handelte es sich um einen bekannter Anarchisten und Pazifisten, der auch auf dem Monte Verità zu Besuch war. Der Monte Verità bei Ascona, nahe Orselina, war Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Magnet für mehr oder weniger gut betuchte Intellektuelle, die alternative Lebens- und Kunstformen ausprobierten und über allerlei Politik, Philosophie und Psychologie debattierten. Zum pazifistischen, alternativen Lebensstil gehörte – zumindest für die Gründer – der Veganismus oder mindestens der Vegetarismus. Die Namen einiger Persönlichkeiten, die in Zusammenhang mit dem Monte Verità standen, sind noch heute bekannt, so zum Beispiel Hermann Hesse, Friedrich Glauser, Hugo Ball und Isadora Duncan. Die (Vor-) Geschichte des Monte Verità ist über den Anarchisten Michail Bakunin (1814–1876) und die russische Baronin Antoinette de Saint Léger mit Russland verbunden. Und so komme ich wieder zu der Manesse-Ausgabe der „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjew (1818–1883), der sich mit Bakunin als Student in Berlin eine Wohnung geteilt hatte (in Russland waren die Bakunins und Turgenejews ebenfalls Nachbarn; deren Landgüter grenzten aneinander).

 

 Jetzt endlich: Was ist eine echte Jagdgeschichte?

 

Im Nachwort zur der Ausgabe der „Aufzeichnungen eines Jägers“ von 1947 schreibt Ludwig Berndl: „Es sind natürlich keine echten Jagdgeschichten, die in diesen ‚Aufzeichnungen eines Jägers‘ enthalten sind. Ungeachtet zeitweiliger jagdlicher Spaziergänge des Dichters in Wald und Steppe, war Turgénjew doch kein passionierter Töter kleinen und grossen Wilds. Ein Jäger von Beruf oder aus Leidenschaft kennt das Gefühl des Grauens nicht, das Qual und Tod der Kreatur immer erregen muss.“ Das kommt so elegant und selbstverständlich daher, dass man innerlich nickt und versucht ist, über die darin enthaltenden Dummheiten hinwegzulesen. Das tönt hart, aber es würde auch nichts ändern, wenn man behauptete, dass Berndl hier elegant und subtil den Stereotyp des Jägers bedient, um aus dem Jäger Turgenjew einen Autor zu machen, der sich zwecks Erkenntnisgewinns als Jäger verkleidet und versucht, als solcher zu agieren. Turgenjew ein So-als-ob-Jäger und damit Hochstapler? Halten wir die Substanz und Logik der einzelnen Aussagen fest:

 

1. Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind keine echten Jagdgeschichten.

 

2. Turgenjew ist kein echter Jäger, weil er kein passionierter Töter war und das Gefühl des Grauens kannte, das Qual und Tod der Kreatur erregen muss. Oder anders herum: Ein echter Jäger, so Berndl, ist ein passionierter Töter, also jemand, der leidenschaftlich gerne um des Töten willens tötet.

 

Das ist der Klartext und entspricht dem heutigen „Lusttöter“, der von Magnus Schwantje (1877–1959) erfunden wurde. Dieser Magnus Schwantje hielt auf dem Monte Verità 1916 eine Rede mit dem Titel „Tiermord und Menschenmord – Vegetarismus und Pazifismus“. Das war zwar vor Berndls Zeit in Orselina, aber Schwantje lebte zeitweise (1939–1950) ebenfalls in der Schweiz.

Es ist kaum anzunehmen, dass Berndl der pazifistisch-vegetarische und damit auch antijagdliche Geist des Monte Verità mitsamt den von Schwantje formulierten Gedanken nicht bekannt war. Immerhin ist der Gegenstand seines Nachwortes eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur, in dem die Jagd eine zentrale Rolle spielt, von der Turgenjew im Epilog sagt: „Bevor ich von meinem Leser Abschied nehme, will ich noch einige Worte über die Jagd sagen. Die Jagd mit der Flinte und dem Hund ist an und für sich etwas Herrliches; aber nehmen wir an, Sie sind kein Jäger, sind nicht zum Jäger geboren; gut, aber dann lieben Sie dennoch die Natur, folglich müssen Sie uns beneiden. Hören Sie!“ Unbedingt bei Turgenjew weiterlesen: Was folgt, ist einzigartig stimmungsvoll.

 

Wir jedoch bleiben noch einen Moment beim Lusttöter. Damals wie heute ist der von dumpfen Trieben gesteuerte „Lusttöter“ eine dumme, unhaltbare, ehrverletzende, auf Charaktermord abzielende Verunglimpfung. Gleiches gilt für die zweite damit verbundene Kernaussage, nämlich dass Jäger, weil sie echte Jäger sind, gefühllose Menschen seien, völlig gleichgültig gegenüber denen Qual und dem Tod der Kreatur. Auch ist das ein unerhörter Hammer, ein rücksichtsloser Angriff auf die Rechtschaffenheit und Unbescholtenheit eines Menschen. Und weil Berndl es eben für gegeben hält, dass Jäger passionierte, gefühllose Töter sind, hat er ein echtes Problem, wenn er mit einem Kaliber wie Turgenjew konfrontiert wird: Wie kann es sein, dass ein Jäger etwas absolut Grossartiges, Einmaliges und Berührendes schafft, wie es eben die „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind? Die Lösung des Problems ist genial simpel: Man sagt einfach, Turgenjew sei kein richtiger Jäger gewesen. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Berndl schreibt: „Es gibt eine Karikatur von Turgénjew, die ihn als ‚Jäger‘ zeigt. Alles an dieser Figur ist jägermässig: die Flinte, die Jagdtasche, die Jagdstiefel … Nur der Mann, der diese Dinge trägt und hat, ist es nicht: das ist ein guter, kindlicher, schier donquichottischer Mensch, der auf der Jagd nach Licht und Schönheit ist; eben ein Dichter.“ Hier sagt Berndl unmissverständlich: Turgenjew ist kein Jäger, weil kein Jäger ein guter Mensch sein kann. Das ist billig, zeugt von purem Dogmatismus und grenzt an eine Verhöhnung von Autor und Werk, ohne aber zur Klärung der Frage beizutragen, was eine echte Jagdgeschichte ist. Selbstverständlich sind Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“ Jagdgeschichten, passen aber nicht ins berndlsche Schema der Wirklichkeit, wo „echte“ Jagdgeschichten wahrscheinlich von tumben, gefühllosen Lusttötern handelten, die wahl- und sinnlos in Wald und Feld herumballern, um möglichst viel Tierleid zu verursachen. Selbstverständlich habe ich hier ein Strohmännchen aufgebaut, denn Berndl sagt nichts dergleichen. Vielmehr vermute ich aufgrund der genannten Indizien einfach, dass dies die Sichtweise von Berndl gewesen sein könnte.

 

Jagdlicher Notvorrat

 

Gibt es überhaupt echte und unechte Jagdgeschichten? Sind wir nicht alle irgendwie auf der „Jagd nach Schönheit und Licht“? Und wären somit nicht alle „Geschichten“, einschliesslich unseres Alltags, Jagdgeschichten? Anders gesagt: Das Leben schreibt im Grunde genommen ausschliesslich Jagdgeschichten. Also ist die Frage nach echten und unechten Jagdgeschichten hinfällig. In einem aussergewöhnlichen Buch, erschienen im Salm Verlag, finden sich unter dem Titel „Jagdlicher Notvorrat – Einunddreissig Jagderzählungen“ Beiträge von weltbekannten Autoren und eben einunddreissig Jagdgeschichten, deren Echtheit man auch à la Berndl anzweifeln könnte. Aber wozu? Um einunddreissigmal herauszufinden, dass der Autor der Geschichte im Grunde genommen gar kein Jäger war? Und wozu sollte das dienen, ausser Jäger und Jagd in ein schiefes Licht zu rücken? Der Verleger Urs Salm hält treffend fest: „Das Buch [Jagdlicher Notvorrat – Einunddreissig Jagderzählungen] trägt zu einem Erscheinungsbild der Jagd bei, wo Tolstoi endlich als Jäger erscheint, und vermittelt, dass Jagd- und Weltliteratur keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören.“ Letzteres belegen auch die „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjew, und bezüglich meiner Anmerkungen zu Ludwig Berndls Nachwort will ich noch ergänzen, dass es anschaulich illustriert, wie sich schon damals das Antijagdliche sozusagen auf leisen Sohlen und auf höchstem Niveau eingeschlichen hat.


Nachtrag

Durch Zufall ist mir gestern (03.01.2018) Rebecca Candreia wieder begegnet. In der Paustowski-Ausgabe, erschienen 1963 im Diogenes Verlag.  Würdigung und Wertschätzung der Leistung der Übersetzerin sin dort schon hundertmal besser als es 1946 bei Manesse war.