Die Würde des Tieres

Nichts ist unmöglich

 

Erschienen in: Jagd & Natur, Das Schweizer Jagdmagazin, September 2016

 

© Alexander Schwab

 

Angriffslustig umkreiste sie zuerst mich und dann meine Tasse Kaffee. Anschliessend flog sie eine Landevolte und kam so in die Reichweite meiner Fliegenklatsche. Und zack, da lag sie betäubt und ich gab ihr sofort mit dem Zahnstocher den Gnadenstoss durchs Herz – aus Sicht des Tierschutzes wahrscheinlich alles im grünen Bereich. Ein schöner Tod verglichen mit dem langsamen, grausamen und unwürdigen Ende in der sirupgefüllten Wespenfalle wo Dutzende von Wespen in der klebrigen Flüssigkeit vergeblich gegen das Ertrinken strampeln. Nach der tierschutzkonformen Tötung aber die aufgespiesste Wespe in einen ausgedrückten Zitronenschnitz zu stecken, sie zur Abschreckung auf dem Tisch stehenzulassen und das Ganze dann noch zu fotografieren, das war eine Geschmacklosigkeit, die ihresgleichen suchte, diente aber einem höheren Zweck. Die Abschreckungswirkung war gleich null, dafür aber gibt das Bild umso mehr zu denken.

 

Die Würde: Alles ist relativ

 

Im Schweizer Tierschutzgesetz heisst es: «Würde: Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tiefgreifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird; [...].» Das bedeutet, die Würde des Tieres ist relativ und damit verhandelbar. Also wird die Auslegung zum Knackpunkt. Das Auslegungsprozedere beschreibt der Jurist Lorenz Engi als eine diskursiv-demokratische Verständigung und schreibt: «Die Kommunikationsgemeinschaft hat die Antworten auf die Frage, welches Handeln gegenüber Tieren nicht gut begründbar ist, in einem fortlaufenden, unabgeschlossenen Prozess laufend zu bestimmen.» Während es mit Blick auf die „Kommunikationsgemeinschaft“ in den Bereichen Kultur, Medien, Politik und Bildung ein Leichtes ist, aktive Jäger- und Jagdgegner zu finden, so sucht man dort fast vergebens nach Jägern oder erkennbar jagdfreundlichen Stimmen. Kommt noch dazu, dass viele jagdkritische oder jagdfeindliche Meinungsführer von Berufs wegen an strategisch wichtigen Stellen sitzen. Es gibt fast keinen besseren Ort, um Ideen zu verbreiten und zu vertiefen, als den Lehrstuhl an einer Hochschule.

 

Obama und die Fliege

 

Nicht wenige Juristen, Philosophen, Theologen etc. sähen im Bild der aufgespiessten Wespe tatsächlich eine Verletzung der Wespenwürde. Denn was anderes als eine unnötige (übermässige) Instrumentalisierung eines toten Tieres liegt hier vor? Die Verwendung des Bildes ist die billigste Art, Aufmerksamkeit zu heischen. Ein schlichter Bericht hätte doch auch gereicht, um das Problem zu erläutern. Also liegt hier nicht nur eine Geschmacklosigkeit erster Güte, sondern – schlimmer noch – eine Verletzung der Würde vor. Und die Frage steht im Raum: was ist das für ein Charakter, der solches tut? Das ist eine Seite. Die andere ist das Erlegen der Wespe: offenbar eine ethisch höchst fragwürdige Tat. Als US-Präsident Obama während eines Interviews erfolgreich eine Fliege ins Jenseits beförderte, folgte darauf ein öffentlichkeitswirksamer Aufschrei von PETA-Ethikaktivisten. Die radikale Tierrechtsorganisation empfahl den Gebrauch einer Lebendfalle für Insekten, damit man sie wieder aussetzen kann. Und was für die Fliege recht, kann für die Wespe nur billig sein. Alles lächerlich? Eine Organisation, die weltweit 36 Millionen Dollar (2010) für solche und andere Ziele – so auch für die Abschaffung der Jagd – einsetzen kann, ist bestimmt nicht «lächerlich».

 

Die sexuelle Selbstbestimmung von Tieren

 

Hochkarätige Gelehrte – eben führende Köpfe der Kommunikationsgemeinschaft – sind sich heutzutage für nichts zu schade, wenn es, und sei es auch nur vordergründig, den Tieren dient. Wenn namhafte Juristen fordern, man lese und staune, dass: «die sexuelle Selbstbestimmung von Tieren als bedeutender Teilaspekt der Tierwürde» zu schützen sei, so muss die Selbstbestimmung logischerweise für das ganze Sein des Tieres gelten, denn es macht kaum Sinn, die Selbstbestimmung sozusagen zu parzellieren. Der Tod der Wespe oder eines anderen Tieres ist die grösstmögliche Verletzung der Tierwürde unter dem Aspekt der Selbstbestimmung. Und eine Zurschaustellung mittels Zitronenschnitz und Zahnstocher wäre so von der Wespe nicht gewollt worden, wenn sie denn hätte wollen können. Und ausserdem: Wer sagt, dass nicht auch tote Wespen eine Würde haben, nämlich dann, wenn die Mehrheit der Kommunikationsgemeinschaft findet, dass es so sei? Schwierig wird es allerdings, die Grenzen der Würde zu ziehen, ein Problem, das auch die Jäger im Zusammenhang mit bruchwürdigem und bruchunwürdigem Wild kennen. Der Einwand, dass die Wespe ein wirbelloses Tier ist, zählt nicht, denn das Tierschutzgesetz ist offen genug, um auch Wespen in seinen Geltungsbereich aufzunehmen. Das Tierschutzgesetz beschreibt das Prozedere so: «Das Gesetz gilt für Wirbeltiere. Der Bundesrat bestimmt, auf welche wirbellosen Tiere es in welchem Umfang anwendbar ist. Er orientiert sich dabei an den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Empfindungsfähigkeit wirbelloser Tiere.» Warum aber nur Tiere? Warum nicht auch Pflanzen?

 

Tomaten auf den Augen?

 

Die Forschung ist bezüglich Tomaten bereits so weit, dass sie über die Empfindungsfähigkeit hinaus auch ein Tomatenbewusstsein in Erwägung zieht. Der Biologe PD Dr. Frantisek Baluska von der Universität Bonn fragt sich aufgrund seiner Untersuchungen: «Haben Pflanzen etwas wie ein pflanzenspezifisches Bewusstsein? Natürlich ist es unmöglich verbindliche Folgerungen zu ziehen […] aber indirekte Beweise deuten auf die Möglichkeit eines solchen Phänomens hin.» Das ahnte schon 2008 die eidgenössische Ethikkommission, die sich mit der Würde der Pflanze beschäftigte. In der Broschüre «Die Würde der Kreatur bei Pflanzen» ist zu lesen: «Die Mehrheit der Kommissionsmitglieder schliesst zumindest nicht aus, dass Pflanzen empfindungsfähig sind und dass dies moralisch relevant ist.» Der Tag, an dem sich der Bundesrat mit der Würde von Tomaten auseinandersetzen muss, ist also nicht mehr fern. Ohne Augenmass führt der Würdebegriff im Tierschutzgesetz nicht nur ins Absurde, sondern kann auch dazu missbraucht werden, missliebige Tiernutzungen, wie z. B. das Jagen oder das Reiten, zu kritisieren und letztlich zu verbieten. Auch Traditionen können mit dem Argument der Würde in ein schiefes Licht gerückt werden: Wie ist es zum Beispiel mit der Würde der Kuh zu vereinbaren, dass sie beim Alpabzug geschmückt und mit Treichel zu Tale ziehen muss? Ist dies nicht eine übermässige Instrumentalisierung des Tieres? Ist das nicht ein tiefgreifender Eingriff in das Erscheinungsbild der Kuh? Und man darf sich darüber hinaus fragen, ob den Tieren bzw. dem Tierschutz tatsächlich mit der Würde gedient ist. Das altmodische «Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz» bringt den Tieren praktisch vielleicht mehr als das Respektieren ihrer Würde, von der wir nicht genau wissen, was sie ist und was sie soll.

 

Der letzte Mohikaner

 

Die Würde der Tiere im Schweizer Tierschutzgesetz ist ein Erfolg der Tierrechtsbewegung und steht nicht wegen der Jäger dort. Aber mit dem Verweis auf die Würde können Jagdfeinde Jäger, Fischer und andere Tiernutzer vor sich hertreiben, denn sie, die Jagdfeinde, haben in der Kommunikationsgemeinschaft das Sagen und sie bestimmen den Verlauf den Diskussion. Und das wird vorerst so bleiben. Wie ist das belegbar? Folgendermassen: An jeder Schweizer Hochschule finden sich seit Jahrzehnten Philosophen, Ethiker, Psychologen, Soziologen, Theologen und Juristen, die sich öffentlich in Wort, Schrift und Tat gegen die Jagd engagieren. Es gibt jedoch keine namhafte Stimme auf einem dieser Gebiete, die sich öffentlich in Wort, Schrift oder Tat für Jäger und Jagd einsetzt. Nicht einmal «jagdintern» ist das der Fall. Oder wann haben Sie das letzte Mal von einem bekannten Schweizer Berufsphilosophen oder Ethiker einen Beitrag in JAGD&NATUR gelesen, der die Jagd grundsätzlich positiv sieht? Der letzte Mohikaner war der Basler Jäger und Philosophieprofessor Paul Häberlin (1878–1960), zu dessen Zeiten Jagd und Jäger noch nicht systematisch angegriffen wurden. Und noch ein Beleg dafür, wie sich die Zeiten geändert haben: Es ist heute unvorstellbar, dass ein Bundesrat das Geleitwort für eine Jagdpublikation verfasst, so wie das 1951 Bundesrat Philipp Etter für das Buch «Die Jagd in der Schweiz» (herausgegeben von den Schweizer Jägern) getan hat. Eine hervorragende Publikation, zu der übrigens auch der damalige Leiter der Vogelwarte Sempach, Dr. A. Schifferli, und der Präsident des schweizerischen Naturschutzbundes, Dr. Ch. J. Bernard, beitrugen. Der Wolf weiss nichts von seiner Würde Solange die Würde „richtig“ relativiert wird, geht von ihr keine Gefahr für die Jagd aus. Die Philosophin und Jagdgegnerin Petra Mayr kommentiert: «Es erscheint jedenfalls widersprüchlich, den Würdebegriff auf Tiere anzuwenden, ihn aber so weit zu relativieren, dass ihr Verzehr als Nahrungsmittel weiterhin möglich bleibt, oder gar andere Formen der Gewaltanwendung und Tötung von Tieren, wie es etwa bei der Jagd von Wildtieren der Fall ist, durch Tötungsrituale noch als vermeintlich ‹würdevoll› zu stilisieren.» Gewinnen aber in der öffentlichen Meinungsbildung jagdfeindliche Kräfte die Oberhand, so kann sich das schnell ändern. Die Würde ist ethisch, juristisch und auch praktisch schwer zu fassen: Wandert zum Beispiel, wie gehabt, ein Bündner Wolf von der Schweiz nach Deutschland aus, lässt er seine Würde hinter sich. Kommt er wieder zurück, hat er sie grad nach der Grenze wieder. Er selbst weiss nichts von seiner Würde und kann sie weder wollen noch nicht wollen, allein der Mensch kann seine Würde wollen. Das Ringen um die ethische und juristische Deutungshoheit bezüglich Schlüsselbegriffen wie Würde und Wohlergehen im Tierschutzgesetz hat eben erst angefangen, und Jäger, Fischer und andere Tiernutzer sind diesbezüglich nicht sonderlich gut aufgestellt, zumal sie eher auf die praktischen als die ideellen Aspekte des Tierschutzes fokussiert sind. Tatsächlich ist es so, dass es für die Jagd sehr schwierig sein wird, in den meinungsbildenden Institutionen Terrain zurückzugewinnen, selbst wenn sich die Jagd des Problems ernsthaft annehmen würde. Trotzdem: Nichts ist unmöglich.