Sputnik

 

Dieses Gänseblümchen scheint völlig losgelöst im All zu schweben und erinnert an einen Sputnik. Tatsächlich treibt es in der Milchstrasse und befindet sich dabei ständig auf einer Umlaufbahn um die Sonne. Nebenbei bemerkt: Im Internet können Sie Hunderte von spektakulären und ästhetisch sehr ansprechenden Gänseblümchenaufnahmen finden, aber nicht ein Gänseblümchenbild erinnert wie dieses an einen Sputnik. Unverblümt könnte man zwar sagen, die Aufnahme sei plump (was sicherlich stimmt), sie ist es aber auf ihre eigene, unverwechselbar leichte Art und Weise. Im Vergleich zur Rose erscheint das Gänse- wie ein Mauerblümchen. Doch der Schein trügt: Rosenkränze mögen gut für die betende Seele sein, Gänseblümchenkränze erfreuen die Herzen aller Menschen. Dem

Gänseblümchen wohnt etwas inne, das freut. Überhaupt sind Gänseblümchen etwas fürs Gemüt: Namen wie Liebesblümle, Marienkrönchen oder Tausendschön wirken – wie dieses Kartenmotiv – sofort stimmungsaufhellend. Sogar der wissenschaftliche Name „Bellis perennis“ (die ganzjährig Schöne) ist ansprechend. Unter Gänseblümchenfreunden kursiert über „Bellis perennis“ folgende Geschichte: Der Nymphen-Stalker vom Dienst, Vertumnus (siehe Motiv Pomona), soll die schöne Nymphe Belides mit anderen

Nymphen beim Tanzen beobachtet haben. In der Folge sei Vertumnus nicht mehr zu bremsen gewesen. Um sich den Aufdringlichkeiten des Vertumnus zu entziehen, soll sich Belides kurzerhand in ein Gänseblümchen verwandelt haben und davon leite

sich der Name „Bellis perennis“ ab. Eine typische Vertreterin dieser Sichtweise ist Mary M. Griffin, die 1846 in ihrem Buch „Drops from Flora’s Cup“ ausführte: „The origin of the DAISY in Mythology is ascribed to Belides, one of the Dryads . Vertumnus, the presiding deity over orchards, beheld her dancing, and, admiring her gracefulness, pursued her. Belides, wishing to escape Vertumnus, was changed into the little flower, called by the Latins, Bellis.“ Ähnlich sieht es noch heute der italienische efiori-Blog: „La mitologia greca, assegna alle margherite il nome scientifico ,Bellis perennis‘, da Bellide, una delle figlie di Dànao, re di Argo.“ Es war vermutlich Henry

Philips, der in seinem Werk „Flora Historica“ (1829) die Sache mit Belides und Vertumnus ins Rollen gebracht hat. Ihm fiel jedoch nicht auf, dass „Belides“ keine Nymphe sein kann, weil Belides (Mehrzahl von Belus) ein anderer Name ist für die Danaiden, deren Grossvater

Belus ist. Die Danaiden wiederum sind die fünfzig Töchter des Danaus, von denen aber keine „Belides“, „Belide“ oder „Bellide“ hiess. Wir verlassen diese Geschichte, nicht ohne zu bemerken, dass im Falle „Belides“ Vertumnus nun seit Jahrhunderten schuldlos in einem schiefen Licht dasteht. Kein Problem, denn zuzutrauen wäre es ihm ja … Das reicht auch heute noch für eine Verurteilung. Wir kommen aber wieder auf das Gute, Schöne und Wahre im Zusammenhang mit Gänseblümchen zu sprechen. Die in den Ketten des Zeitgeistes gefesselten, total dekonstruierten Philosophen haben für die Wahrheit – wenn überhaupt – nur ein müdes Lächeln übrig. Und es gibt sie doch! Das Gänseblümchen liefert den Beweis dafür. Das Gänseblümchenorakel („Er liebt mich, er liebt mich nicht“ – „ein wenig“,

„sehr“ usw. bis hin zu „über alle Massen“) lügt nicht. Aus dieser Sichtweise ergibt sich noch ein anderer Zusammenhang. Die Rose ist eine instrumentelle Blume: In Fragen der Liebe ist sie Mittel zum Zweck. Über die Rose erfährt man möglicherweise die Wahrheit, aber mit Rosen kann man angelogen, betrogen und verletzt werden. Als Warnung hat sie die Natur mit Dornen ausgestattet. Das Gänseblümchen dagegen besitzt keine Dornen, weil es sie nicht braucht. Ein Gänseblümchen kann nie lügen, betrügen oder verletzen. Es ist gut, schön und wahr durch sich selbst