"Das kannst du dem Pfarrblatt schicken!“

 

Um ein Pfarrblattfoto zu sein, muss ein Lichtbild nicht in einem Pfarrblatt veröffentlicht werden. Ein Pfarrblattfoto zeichnet sich durch das augenfällig Schöne, Harmonische und Stimmungsvolle aus, dabei soll es den Betrachter positiv stimmen. Es hat keinerlei künstlerischen Anspruch und kennt keine Scheu vor dem Gefühlvollen. Typische Pfarrblattfotos sind z. B. Eiszapfen, Baumsilhouetten, Sonnenuntergänge, Sonnenblumen und wogendes Schilf – Motive, wie man sie häufig als Platzhalterbilder auf Seiten mit Todesanzeigen sieht. Man kann auch sagen, dass Pfarrblattfotos gezielt unspektakulär und langweilig sind, was jedoch nicht gleichbedeutend mit nichtssagend ist. Traditionelle Pfarrblattfotos sind darum weit entfernt vom Überraschenden, Dramatischen, Aufgeregten, Einzigartigen. Sie wollen nicht aufwühlen, keine Empörung schaffen und auch nicht betroffen machen. Das ist nicht zuletzt der Grund, warum in progressiven Pfarrblättern keine Pfarrblattfotos zu finden sind.

 

Aber es gibt sie noch, da und dort, die echten Pfarrblätter mit den echten Pfarrblattfotos auf echt billigem Pfarrblattpapier. Vielleicht die letzten Kulturdinosaurier. Warum dann werden Rüdisühlis Bilder hier Pfarrblattfotos genannt? Der früher noch sehr junge Rupert Rüdisühli verdiente sein erstes Geld als Lokalreporter. Der zuständige Redaktor pflegte allzu atmosphärische Fotos und allzu blumige Texte mit den Worten abzulehnen: „Das kannst du dem Pfarrblatt schicken!“ RR bedauert noch heute, dass er diesem Rat nicht gefolgt ist und besteht seitdem darauf, seine fotografischen Versuche „Pfarrblattfotografie“ zu nennen. Und er besteht ebenso hemmungslos auf dem Versuch, das Atmosphärische zu kultivieren, um damit dem Offensichtlichen näherzukommen.

 

In alledem hat sich Rüdisühli möglicherweise hoffnungslos verrannt. Er ist sich vielleicht nicht bewusst, in vollkommen vorgestrigen Vorstelllungen von Schönheit gefangen zu sein. Das Schöne, das Wahre und das Gute, geschweige denn irgendwelche Zusammenhänge zwischen diesen gibt es nicht. Und vor allem darf es sie nicht geben: alles nur sprachliche Konvention zwecks Zementierung patriarchalischer Machtverhältnisse, von der Viehzüchterreligion propagierter populistischer Stuss und widersprüchlicher kapitalistischer Firlefanz. Vielleicht alles auch nur Biologie, also irgendwelche Hirnzellen, die uns das Schöne vorgaukeln, um uns in eine bestimmte Verhaltensrichtung zu steuern. Das sind Fragen, die vielleicht das Pfarrblatt oder die geistigen Eliten der Gegenwart beantworten können, aber sicher nicht die Pfarrblattfotografie von Rupert Rüdisühli, deren Anspruch und Sinn wesentlich enger gefasst ist, so wie im Gedicht von Christian Morgenstern:

Das ästhetische Wiesel

 

Ein Wiesel

sass auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.
Wisst ihr,
weshalb?
Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:
Das raffinierte Tier
tats um des Reimes willen.